Elisabeth Busko – Ein Interview mit Chiara Hanke


Steckbrief

Alter: 26 Jahre
Geschwister: 2 Schwestern
Geboren/Augewachsen in: Nürnberg
Ausbildung: schreibt gerade an ihrer Masterarbeit Finance, Accounting Controlling und Taxation
Status: verheiratet
Wohnt: auf ihrem ehemaligen Bauernhof in Betzenstein
Mit: Ehegatten Chris, Hund Odin, der Katze Phönix und ziemlich vielen Spinnen
Arbeitet: im Management Chris Hanke, als Trainerin, Routenbauerin und im Rock Store in Betzenstein
Sagt: auf dem Land ist es am schönsten
Hält: unglaublich gerne kleine Leisten
Findet: ihren Mann einfach Spitze
Kann: ohne Punkt und Komma gut 2 Stunden reden
Interessiert sich besonders für: Zahlen
Klettert am liebsten: draußen am Fels
Liebt beim Klettern: die Bewegung, die Freiheit, die frische Luft
Wünscht sich: viele Kinder
Motto: der frühe Vogel fängt den Wurm

Chiara in Battle Cat (Photo: Hans Radetzki)

Interview

Chiara, jetzt stehen wir unter dem Hängenden Stein und schauen auf deine Meisterleistung. Du bist als erste Frau in Deutschland und in Franken mit Sever the wicked hand eine 9a (11) geklettert. Was für Gefühle kommen da bei dir wieder auf? Hattest du dir die Tour ausgesucht?

Freude und Dankbarkeit. Ich selber hatte eigentlich 9a gar nicht auf dem Plan. Mein Mann Chris und meine Freunde haben für den nötigen Schub gesorgt. Die haben mich nur an den Hängenden Stein geschleppt, wo einfach nichts anderes da war. Und nicht klettern ging ja auch nicht! Und dann hat es sich ergeben, daß ich den Boulder in der Tour ziemlich schnell drauf hatte. Es hat sich unheimlich gut angefühlt. Und dann hat der Durchstieg auch ziemlich schnell geklappt. Aber: ich bin auf jede Tour, die ich geklettert bin, stolz. Und mein Highlight ist nach wie vor Wallstreet (8c, W. Güllich ´87), die ich im Juli 2018 geklettert bin.

Gab es irgendwann einen Augenblick, z.B. eine Begehung, die dir gezeigt hat, da geht noch mehr!

Von den vielen „Cats“ die ich geklettert habe, war Klondike Cat (8c/+) der Durchbruch, der mir gezeigt hat, da geht noch mehr. Nachdem ich die geklettert hatte, bin ich die nächste Woche jeden Tag mit einem anderen 10er nach Hause gekommen. Ich hatte einfach unglaublich viel Spaß daran, möglichst viele verschiedene Touren zu klettern!

Wie verlief deine Entwicklung dahin?

Viele viele viele Touren, viele viele viele Klimmzüge, viele viele viele Kniebeugen, viele viele Sprüche (lacht..)

Meine wichtigsten Stationen waren sicherlich mein erster regionaler Wettkampf, mein erster Deutschland- und Europacup und mein erster Weltcup. Die Wettkämpfe waren eine lange Zeit ein großer Teil von mir. Da habe ich viel gelernt und sie haben mich sehr geprägt. Für diese Erfahrung bin ich unglaublich dankbar. Und jetzt beim Felsklettern fühlt sich jede Tour wie eine weitere kleine Station auf meinem Weg an.

Hast du noch andere Sportarten, die dir wichtig sind?

Gaaanz lange Laufen und Schwimmen liebe ich.

Und wie stehts mit Trainieren?

Ja gerne!!! Ich hasse meine Ruhetage!!!!!!

Gibt es im Klettern etwas, das dir leicht fällt?

Mich motivieren fällt mir leicht, Ausdauer fällt mir leicht, ich gehe gerne an meine Grenzen und darüber!

Und was fällt dir schwer?

Richtig schwer fällt mir, Gewichte hochzustemmen und Betonsäcke herumschleppen.

Leiden und Scheitern sind Teil des Erfolgs, sagt man. Erscheinen dir Erfolge umso größer, je härter du sie dir erkämpft hast? Oder kannst du ein „Geschenk“ genauso feiern?

Umso härter ich dafür kämpfe, umso wertvoller ist es. Deshalb hat Wallstreet auch den höheren Stellenwert. Beim Wettkampf war’s dann eher so, wenn ich die Tour –meiner Ansicht nach- nicht so gut geklettert bin und trotzdem Erste geworden bin habe ich es zwar als Geschenk betrachtet, aber es war nicht ganz so wertvoll für mich.

Welche drei oder mehr Eigenschaften/Stärken auf die du immer zurückgreifen kannst, leiten dich durchs (Kletter-)Leben?

Ich bin 1. ambitioniert, 2. Tue ich mich leicht Prioritäten zu setzen und 3. kann ich sehr gut rechnen. Zum Beispiel: ich weiß, ich habe nur 2 Versuche, also ich muss um Punkt sieben am Fels sein damit die Bedingungen stimmen und dann geht’s los!

Gib es Kriterien, die für dich entscheidend sind damit du dich dann so richtig motivieren kannst?

Ich muss drunter stehen und die Route muss mir gefallen. Meine Hauptmotivation ist der Spaß an der Bewegung. Und die Tour soll mich fordern. Es geht mir primär nicht darum, besonders schwer zu klettern, sondern besonders viel! Manchmal motiviert es mich Züge zu probieren, die mir einfach nicht liegen. Da möchte ich mir dann beweisen oder will herausfinden ob die möglich sind. Merke ich dann, dass mich eine Route negativ stresst, weil ich eine zu hohe Erwartungshaltung habe oder meine Motivation dafür eher von außen bestimmt ist, lasse ich das Projekt auch mal ruhen und gehe einfach schöne Routen klettern, bis ich mir sicher bin, das meine Motivation einen positiven und persönlichen Ursprung hat.

Ein Klettertraum von dir?

Was ist nach der 9a übrig, das unbedingt stattfinden soll am Fels? Ich möchte einmal mit Chris Papa eine richtig steile, überhängende alpine Tour mit vielen vielen Seillängen klettern. Von mir aus den ganzen Tag und die ganze Nacht. Und eine Tour am Falkenstein in der Sächsischen Schweiz. Damit ich offiziell zur Familie gehöre! Und ich habe ganz große Lust möglichst viele alte Güllich Touren zu klettern.

Charia’s Hochzeit

Hast du für dein Klettern/ dein Leben jemand, der für Dich Vorbild/Inspiration ist?

Ich habe für verschiedene Bereiche Menschen oder Tiere, die mich inspirieren z. B. die Art von Chris, der immer aus allem das Positive rauszieht, mein Papa, der mit Zahlen noch besser umgehen kann, als ich. Chris Eltern, die mir das Gefühl geben, ich bin die wichtigste Person in ihrem Leben und die ganz liebevoll mit einander umgehen. Das kann auch der kleine Tobi, der Sohn von meiner Freundin Katrin -die für mich die stärkste Frau der Welt ist- sein. Der kann einen Boulder vielleicht noch nicht ziehen, ist aber mit seinem Tun tief zufrieden oder der Alex (Megos), der für mich die disziplinierteste Person auf der Welt ist.

Das Fels eine sehr lebendige „Aura“ hat, weiß man nicht erst seit Heinz Grill rythmisch klettert. Wie ist das bei dir?

Ich teile mir die Routen nach Ruhepunkten ein, nach Sequenzen die ich gerne mag und auch Sequenzen wo ich einfach durch muss, wo ich mental dran bleiben muss. Da braucht es dann auch mal ein paar Selbstgespräche.

Tradklettern. Wunschziel oder Horrorvorstellung?

Ein Mix aus beidem. Erste Erfahrungen im Tradklettern habe ich ja in Jordanien gesammelt. Aber ich liebe mein unversehrtes Leben!

Frau ohne Nerven? Ja oder Nein?

Frau mit Nerven, die ich gut unter Kontrolle habe!

Selber Routen erschliessen? Dein Ding?

Das finde ich heuer in Georgien raus….

Hast du Rituale beim/vor/nach dem Klettern?

Mein Haargummi muss sitzen, den zupfe ich zurecht! Dann ein Griff in den Chalkbag und los geht’s!

Kreativer Prozess oder Fertigstellung. Was ist dir wichtiger?

Fertigstellung. Man muss Sachen zum Abschluss bringen! Schwarz und Weiss gehören zusammen!

Der grauenhafteste Kandidat für einen Klettertag? Was kannst du beim Klettern überhaupt nicht leiden?

Jemand der es schafft, den Klettertag durch andauerndes Gemeckere und Rumgeschreie zu ruinieren. Und Leute, die ihr „Sicherungspersonal“ nicht zu schätzen wissen. Zurufe brauche auch ich nicht, mein Antrieb ist so abartig.

Du arbeitest auch als Routenschrauberin. Hat sich für dich etwas verändert, seit jeder die Routen bewerten kann?

Ich schraube ganz viele Routen, manchmal für Wettkämpfe, hauptsächlich aber für den kommerziellen Kletterhallenbetrieb. Durch die Bewertungen hat sich für mich beim Schrauben nichts verändert. Meine Touren bewerte ich nicht schwerer oder leichter, nur um mehr „Likes“ zu bekommen. Kritik ist gut und erwünscht und ich passe mich an, wenn es für mich plausibel ist.

Und apropos Wettkämpfe. Wie siehst du die Entwicklung?

Interessant. Einerseits weil es sich vom Felsklettern immer weiter entfernt und anderseits doch die Eigenschaften die es am Fels braucht auch gefragt sind. Die Wettkampfrouten heute sind interessanter, maximalkräftiger und erfordern viel mehr Risikobewusstsein. Allein bei den Sprüngen musst du schon mal was riskieren.

Klettern und Olympia. Deine Meinung?

Klettern olympisch finde ich super und ich freue mich für Jan (Hojer) und Alex (Megos), das sie die Qualifikation geschafft haben.

Und das Format? Kann das wirklich den „besten“ Kletterer zeigen? Es zeigt zumindest den komplettesten Kletterer an diesem Tag und zu dieser Stunde …

Vorletztes Jahr haben Chris und du geheiratet. Wie seit ihr denn auf die Zehnerstein Aktion gekommen? Die Heirat hatte schon einen achtjährigen Vorlauf… Verlobungszeit. Da war es jetzt wirklich Zeit Nägel mit Köpfen zu machen. Der Zehnersteingipfel deshalb, weil wir beide da schon einen sehr schönen Klettertag verbracht haben und wir wollten, das unsere Gäste möglichst alle auch hochkommen. Wer also keinen 4er Klettern konnte, wurde erst gar nicht eingeladen….:-)

Und dann habt ihr euch viel Arbeit angeschafft?

Ja, wir haben uns unseren Traum erfüllt. Wir haben einen renovierungsbedürftigen Bauernhof in Betzenstein gefunden und gekauft. Das Kaufargument war die riesige Scheune. Und da haben wir jetzt in 1000stündiger Arbeit unser eigenes Boulderrefugium geschafften. Für uns ein Ort, um sich mit Freunden zu treffen, zu trainieren, sich gegenseitig zu motivieren. Unsere Küche steht auch schon! Und unser Garten mit den vielen Nussbäumen und dem Grillplatz ist auch ein Geschenk.

Und der schönste Moment war?

Den Schlüssel für das Haus in der Hand zu halten!

Du hast über den Jahreswechsel in Indien Urlaub gemacht. Da denkt man ja an Ashram und Yoga …

Der Grund für die Indienreise war eine Einladung des TATA International Climbing Festivals um dem Kletternachwuchs beim Wettkampf zuzuschauen und Verbesserungsvorschläge im Zuge von Trainings/Vorträgen einzubringen. Es war sehr inspirierend. Die Kultur, der Zusammenhalt unter den Kids, die strahlenden Kinderaugen, die die größten Mühen auf sich genommen haben um dabei zu sein.

Bist du gerne unterwegs? Als Kletterin? Als Touristin?

Unheimlich gerne! Ich freue mich schon auf die geplante Japanreise mit Chris.

Da kommen wir zum Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Kletterer geben sich ja gerne naturverbunden, doch wenn man die Kilometer-/Flugmeilenbilanz am Jahresende anschaut, merkt man Klettersport = Motorsport. Wie hältst du es damit?

Ich versuche bei den kleinen Sachen anzufangen. Regional einkaufen, Einkäufe für andere miterledigen wenn man grad unterwegs ist, Fahrgemeinschaften bilden und auch das Auto mal stehenlassen. Ich habe ja idealerweise die weltbesten Felsen vor der Haustüre! Dennoch: Reisen und Fliegen gehören dazu, aber stimmig muss es sein. Zum Beispiel länger bleiben oder sich im Land mit Bus und Bahn bewegen.

Wie bringst du andere zum lachen?

Durch meine Witze auf keinen Fall, eher durch meine Tolpatschigkeit wenn ich müde bin. 22 Uhr ist Bettruhe, da muss auch der Hund dran glauben.

Und wie können andere dich zum Lachen bringen?

Ich brauche nur meinen Hund anschauen!

Bist du der Typ Tierhalter, der seinen Hund mit ins Bett nimmt oder eher der strenge Typ?

Eher strenge Typ, der Hund darf nicht ins Bett…. aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Die Katze darf ja auch manchmal!

Wenn du der Welt ein Konzept vermitteln könntest das einen fundamentalen Unterschied macht, was wäre das? Das die Menschen sich trauen, ihre Träume zu realisieren.

Hören, sehen, lesen oder Tun? Welcher Typ bist du?

Augen zu und tun!

Und wenn du dir jetzt auf der Stelle eine Fertigkeit wünschen könntest. Welche wäre das?

(nach langem, intensivem Überlegen) So viele Einarmige ziehen können, dass mein Gatte blass wird!

Jetzt noch die letzte Frage: wie sieht dann der perfekte Tag im Leben von Chiara aus?

– einen hechelnden Odin vor dem Bett, der es nicht erwarten kann, daß ich aufstehe – ein Porridge mit zarten Haferflocken, vielen Nüssen und getrockneten/frischen Beeren – klettern an einem neuen Felsen mit vielen neuen Touren, Unterarme die kurz vor dem Platzen sind und das am liebsten mit meinem Mann Chris, der den ganzen Tag nur mich sichern will! – Zum Abschluss ein schöner Sonnenuntergang und Eltern, die schon mit dem Grillen auf uns warten.

Liebe Chiara, lieben Dank für deine Zeit, es war ein sehr schöner Tag mit Dir!
Elisabeth

Elisabeth Busko klettert seit 35 Jahren nicht nur in Franken – wie Chiara – mit Vorliebe die klassischen Routen. Allerdings nicht Wallstreet, sondern rechts nebenan die Westwand.

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