Die Grenzen des Sanierens

11. Februar 2021

Die nachfolgende Erzählung ließ uns ein Fränkischer Sanierer anonym zukommen:

An einem verregneten und für die Jahreszeit ungewöhnlich milden Tag Ende Januar 2021 trieb es mich weg vom frustierenden Homeoffice-Arbeitsplatz. „Tastentippen macht nur die Oberarme schlapp“, dachte ich mir und wollte unbedingt Richtung Frankenjura los ziehen. Bei dem Regen und dem Tauwetter waren die Boulder-Bedingungen denkbar schlecht, also schnappte ich mir die IG-Bohrmaschine und machte mich auf zum Nankendorfer Block. Dort sollte ich durch das riesige Dach einigermaßen vor dem Regen geschützt sein und Bohren im Volldach würde auch den Bizeps wieder anschwellen lassen.

Fest gemauert in der Erden …

Hier warteten rostige Expansionslaschen in den Routen Hooligan (9+/10-) und Frisch gepresst (9/9+) darauf, durch rostfreie Bühlerhaken ersetzt zu werden.

Da nur die ersten 5 Dachhaken in Hooligan rostig waren und über der Dachkante bereits perfekt geklebte Haken steckten, angelte ich mir mit dem Clipstick den ersten soliden Bühler. So konnte ich mein Fixseil mit etwas Dachakrobatik in die unteren Haken einhängen.

Wieder am Boden angekommen, ging es nach einem kurzen Schluck aus der Thermoskanne mit Bohrmaschine, Hammer und Reinigungsset wieder nach oben. „Das sollte recht schnell gehen“, dachte ich mir. Meine Sanierungsmöglichkeiten sollten jedoch schnell an ihre Grenzen stoßen.

Am ersten Haken angekommen, einem alten Mammut-Einschlagring, legte ich unvermittelt los: also Hammer raus, abklopfen, und festen Fels für den neuen Haken suchen. Ich fand heraus, dass der Fels unter der imposanten unteren Dachkante morsch wie das Totholz im Hang hinter mir klang. Glücklicherweise fand ich ca. 20 Zentmieter über dem alten Ring festes Gestein und konnte ein solides Hakenloch bohren.

Dann fließt die Arbeit munter fort

„Gerade nochmal gut gegangen“, ging es mir durch den frisch bestaubten Kopf. Also weiter zu den nächsten Haken, die franken-untypischerweise recht nah beieinander, querend, im Dach steckten.

Der Grund dafür offenbarte sich mir gleich: hier verspricht die Dichte der Haken die Sicherheit, nicht deren Qualität.

Hohe Hakendichte in Hooligan am Nankendorfer Block

Beim Abklopfen des Umgebungsgesteins des zweiten Hakens sorgten die tiefdumpf klingenden Schläge für ein tiefflaues Gefühl in meiner Magengegend. Selbst beim Suchen von festem Gestein außerhalb der Kletterlinie wurde ich nicht fündig.

Lange machte ich mir Gedanken um eine Lösung, kam aber zu dem Schluss, dass ein Bühler in dieser Art von Gestein keinerlei Sicherheit bietet. Er würde Wiederholer in die Irre führen und im schlimmsten Fall ausbrechen. Bei Routen im Schwierigkeitsgrad 9+/10- abzubrechen und einen Zwischenhaken zu fädeln und abzubauen, ist erfahrungsgemäß nicht gerade unwahrscheinlich. Daher entschied ich mich, den Expansionsanker so zu belassen, wie er war.

Auf zum dritten Haken: „bonk, bonk“, hier ging das tiefdumpfe Klangspiel weiter. Schon wieder morsches Gestein um den Haken. Der fränkische Dolomit bescherte mir, zu meiner großen Erleichterung, eine klippbare Position in solidem Gestein, was ich ebenfalls beim Bohren spürte. Fest und ohne Hohlräume hinter der Felsoberfläche: so wie es sein soll.

Das Auf und Ab der Sanierungsgefühle sollte am vierten Haken nicht aufhören. Hier war nämlich schon wieder alles hohl. Die Geräusche meiner Hammerschläge auf dem Fels wurden selbst nach ausgiebigem Suchen nicht besser. Hier bringt selbst der beste Bühlerhaken und der stabilste Kleber nichts. Dieser alte Haken musste wieder belassen werden.

Beim Haken Nummer Fünf konnte ich wieder festes Gestein finden und bohren.

Haken in Hooligan am Nankendorfer Block
Fünfter Haken in Hooligan am Nankendorfer Block

Soll das Werk den Meister loben?

„Tja, was nun?“, war mein Gedanke; ich konnte nur jeden zweiten Haken des Hooligan sanieren. Diese Komplettsanierung war mir heute nicht vergönnt. Sollte ich die verbliebenden Laschen entfernen? Sollte ich überhaupt Bühler in die fertigen Löcher kleben?

Ich entschied mich dafür, die drei möglichen Haken zu setzen. So ist diese schwere Boulderroute immerhin ein Stück weit sicherer. Sollte in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten eine der verbleibenden Laschen ausbrechen, würde durch die neuen Bühler ein Absturz auf den Boden einigermaßen verhindert.

In der links gelegenen Einstiegsvariante Frisch gepresst (9/9+) mussten nur die ersten beiden Haken ersetzt werden. Im oberen Bereich, der mit dem Hooligan zusammenläuft, steckten wieder perfekt geklebte Haken.

Erfreulicherweise war das Gestein um die Hakengegend fest und ich fand rasch perfekte Positionen. „Immerhin eine Komplettsanierung heute“, dachte ich mir.

Dieser Januartag hat mich schwer zum Nachdenken gebracht. Zum ersten Mal in meiner Laufbahn als Sanierer stieß ich auf Haken, die ich nicht sanieren konnte. „Kann ich diese Route so anderen Kletterern hinterlassen?“, „Gibt es nicht doch andere Möglichkeiten?“, waren Sätze, die mir beim Betrachten meines Werks durch den mittlerweile vollgestaubten Kopf gingen. Bei der Route Hooligan gibt es keine andere Lösung.

Zum Werke das wir ernst bereiten …

„Doch, eine Lösung gibt es!“ war mein Fazit, als ich den letzten wärmenden Schluck Tee aus meiner Thermoskanne trank:

Jeder Kletterer muss für sich selbst einschätzen, welche Route er klettert und welchem Risiko er sich aussetzt. Bevor man den Knoten am Gurt bindet, muss man nach oben blicken und sich seines Handelns absolut klar sein. In eine Route nicht einzusteigen, ist für niemanden eine Schande.

Übrigens: Wer Bedenken hat, kann sich rechts vom Hooligan an der genauso schweren Tour Problem Doppel F (9+/10-) versuchen. Gegenüber am Geckofels und am Freudenhaus links gibt es ebenfalls hervorragende kurze Boulderrouten in vergleichbaren Schwierigkeitsgraden (aktuell jedoch gesperrt!).

Grüße vom verschneiten Atomkraftwerk!

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2 Kommentare

  1. Good job, Christoph .-)

    Antworten
    • Die Sanierung sowie die Erzählung sind nicht von mir, ich gebe das Lob aber gerne weiter.

      Antworten

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