Sanieren, eine Geschichte über die Kluft zwischen Theorie und Praxis 3 Kommentare


Teil 1: Durchgeschliffene Sauschwänze

Im Herbst erhielten wir drei Meldungen zu durchgeschliffenen Umlenkschnecken an den Haselstaudener Wänden. Es dauerte etwas, bis jemand die Zeit fand, die Sauschwänze zu kontrollieren und bei Bedarf auszutauschen. Der Plan war, zugleich die Umlenkhaken zu doppeln, da an den Haselstaudener Wänden viel geklettert und vor allem Toprope geklettert wird.

Die Umlenkschnecken waren schnell kontrolliert, eine war ganz neu, zwei leicht (ca. 10%) eingeschliffen. Hier war vermutlich schon jemand aktiv gewesen. Die Meldung war also erfolgreich abgearbeitet worden. An dieser Stelle der Hinweis: Bitte meldet möglichst präzise Gefahrenquellen über das neue Formular.

Ab ca. 50% Einschliff sollten die Umlenkschnecken ausgetauscht werden.

So weit, so gut. Allerdings stecken zwei Haken der drei Umlenkschnecken jeweils in einem beim Abklopfen hohl klingenden Gipfelblock. Das kann passieren, da sich der Fels im Lauf der Jahre – hier ca. 30 Jahre nach der Erstbegehung – verändert. Was zum Zeitpunkt der Erstbegehung fest war, ist durch Eisbildung im Winter und andere Einflüsse möglicherweise verändert worden. Und sicher bewertet man heute diese Umlenker deutlich kritischer als früher. Der Plan, diese Umlenker zu doppeln, war somit dahin. Einer der beiden Umlenker ist inzwischen entfernt und durch einen neuen etwas tiefer ersetzt. Was mit dem anderen Umlenker geschieht, wird derzeit geklärt. Das Versetzen nach oben oder unten verändert die Route. Und wir kommen zu Teil 2 der Geschichte.

Teil 2: Doppelte Umlenker

Um der Diskussion und den Ereignissen des Jahres 2020 Rechnung zu tragen, sollten zur Erhöhung der Sicherheit die Umlenker an den Haselstaudener Wänden gedoppelt werden. Über das „wie man das am besten macht“ gibt es eine ausführliche Diskussion und verschiedene Ansichten. Die folgenden Beispiele zeigen, warum zwei separate Haken ohne Kette im weichen, zerklüfteten Kalk des Frankenjuras eine sinnvolle und praktikable Lösung sind und wie weit Theorie und Praxis manchmal auseinander gehen.

Die Theorie

Das Hakensetzen sollte fachgerecht erfolgen, d.h. der Haken sollte entsprechend der Bauart korrekt gesetzt werden. Zudem sollte er in kompaktem Fels mit ausreichendem Abstand zu Kanten, Rissen, etc. gesetzt werden. Der DAV schreibt hierzu:

Das Gestein muss kompakt sein und der Abstand des Bohrlochs zu Kanten, Rissen und Löchern darf 15 cm nicht unterschreiten. Der Achsenabstand zwischen zwei Bohrhaken sollte somit 30 cm betragen (15 cm Radius).

Bohrhaken 2009, S.6

Fachgerecht heißt also laut DAV:

  • Fester, kompakter Fels
  • 15 cm Abstand zu Kanten, Rissen etc.
  • Abstand von zwei Bohrhaken 30 cm

Zu dem letzten Punkt liefert der DAV leider keine Begründung. Verwirrend ist, dass die Hersteller von Ketten diese zum Teil so konstruieren, dass es gar nicht möglich ist, diesen Abstand einzuhalten bzw. die Setzanweisungen explizit einen geringeren Abstand nennen.

Beispiele:

Diese Diskussion ist an anderer Stelle vertieft zu führen. Gehen wir also davon aus, dass der Abstand möglichst 30 cm betragen soll und vernachlässigen, dass die meisten Ketten dies gar nicht ermöglichen bzw. der Hersteller andere Empfehlungen gibt.

Die Praxis

Hier ein paar Beispiele, die zeigen, wie schwierig es ist, Normabstände einzuhalten.

Umlenker in Sophisticated Ladies (Haselstaudener Wände)

Ein Umlenkhaken steckt bereits. Man hat also die Einschränkung von 30 cm Abstand für den zweiten Haken. Ganz 30 cm lassen sich nicht realisieren, da der zweite Haken dann am Boden gesetzt wird und Topropen nicht mehr möglich ist (das Seil läuft dann über die Kante).

Also: geringerer Abstand oder keinen zweiten Haken.

Gedoppelter Umlenker in “Sophisticated Ladies”.

Umlenker in Regenbogen (Haselstaudener Wände)

Hier besteht das gleiche Problem.

Gedoppelter Umlenker in der Route Regenbogen.

Umlenker in Rechts außen (Haselstaudener Wände)

Bei Rechts außen wird die Vorgabe Abstand eingehalten, aber nicht ganz die Vorgabe, die Haken übereinander anzubringen, da hier die Felsqualität nicht passt.

Gedoppelter Umlenker: Rechts Außen (Haselstaudender Wände)

Umlenker Märzenriss (Haselstaudener Wände)

Beim Märzenriss dient ein Baum als redundanter zweiter Umlenkpunkt.

Umlenker Märchenriss (Haselstaudener Wände). Ein Baum dient als redundanter zweiter Haken.

Umlenker im rechten Teil der Haselstaudener Wände

Hier ist der Fels unter dem alten Umlenker ziemlich verkarstet. Der zweite Haken steckt mehr als 50cm darunter.

Umlenker im rechten Teil
Größerer Abstand bei gedoppeltem Umlenker aufgrund der Felsbeschaffenheit.

Unter dem Strich ist es in der Praxis schwierig, strenge Vorgaben exakt einzuhalten. Man muss bemüht sein, die Vorgaben so gut einzuhalten, wie es geht. Fels ist Natur und nicht genormter Beton. Es ist noch schwieriger, hier Haken mit Kette zu setzen, da es dafür noch mehr Vorgaben bezüglich Winkel, Länge und horizontalem Abstand der Haken gibt.

Teil 3: Felsqualität

In einem Bruchhaufen hält kein Haken!

Bohrhaken 2009, S.6

Schreibt der DAV und hat natürlich recht. Aber was ist ein Bruchhaufen? Mancher ist sicher leicht und eindeutig zu erkennen. An anderer Stelle wird das schwierig. Der von uns wegen seiner Griffigkeit geliebte Fränkische Kalk ist oft nur „angebacken“. Gerade in den besonders griffigen Bereichen und im Gipfelbereich ist der Fels oberflächlich feste Fels eigentlich hohl. Beim Abklopfen hört man das deutlich. Hier Beispiele von einem Zwischen- und einem Umlenkhaken. Beide wurden mittlerweile saniert.

Ton an! Deutlich ist der Klang des hohlen Felsens zu hören.
Umlenker im hohlen Fels

Fazit

Das Doppeln der Umlenker ist keine einfache Aufgabe. Bezüglich der Vorgaben muss man bereit sein, Kompromisse einzugehen. Wenn der Fels die entsprechende Qualität aufweist, kann man ein perfektes Ergebnis erzielen. In vielen Fällen wird das nicht möglich sein. Dort wo der Fels hohl geworden ist, muss der Umlenker versetzt werden. Das kann bedeuten, dass die Route etwas kürzer wird, der Umlenker etwas versetzt angebracht werden muss oder die beiden Haken weiter von- oder näher aneinander platziert werden. Für mehr Sicherheit sollten wir bereit sein, diese Kompromisse zu akzeptieren.


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3 Gedanken zu “Sanieren, eine Geschichte über die Kluft zwischen Theorie und Praxis

  • -kat

    Hallo, vielen Dank für eure Mühe, ich denke diesen Kompromiss können wir eingehen! Ich schätze es sehr, dass auch auf die Kletter-Ethik wertgelegt wird. Bei vielen Sportarten (auch im Alpinen) geht das häufig schnell verloren 🙁 D
    Aber gerade bei den Nichtklassikern und Einsteigertouren und dem schlechten Fels, wäre alles andere ist falscher Stolz.
    Vielen Dank

  • Heinz Buchmann

    Genauso ist es z.B. Bei uns auf der Schwäbischen Alb – Mann muss froh sein überhaupt einen richtig guten Umlenker zu setzen. Und deshalb muss es konsequent sein den Haken darunter (RH = Redundanzhaken ) ebenfalls handwerklich richtig gut zu setzen. Dieser dient als Redundanz und wenn wir es uns beim TopRope angewöhnen dass bereits beim Ablassen des Vorsteigers, dieser das AblassSeil in diesen RH bereits umhängt – dann funktioniert das nach kurzer Zeit richtig gut. Wir haben TopRopen gelernt – ja früher sind wir noch ausgestiegen und haben von oben nachgesichert und das war gefährlich – dann werden wir auch dies lernen.

  • Armin Weiss

    Ebenfalls vielen Dank für diesen schönen und informativen Artikel! Zwei Kommentare:
    (1) Ihr habt recht: die Forderung von 30 cm Abstand zwischen zwei Bohrhaken ist unverständlich. Die 15 cm Mindestabstand zu Kanten oder Rissen bedeuten ja 15 cm Mindestabstand zu allen ersichtlichen Fehlstellen des Felses. Wenn wir das nebenan befindliche Bohrhakenloch als die nächste Fehlstelle betrachten, dann bedeutet das eben auch 15 cm Abstand dazu und nicht 30 cm.
    (2) Ihr führt in der Liste von Umlenkern die Firma Bolt Products auf. Ich wollte dort dieses Jahr ein paar Umlenker bestellen, aber der Jim Titt antwortet nicht mehr. Wisst ihr was Näheres bzw. habt ihr noch Kontakt zu ihm?